Angriffsziel Skandinavien
Im Norden Europas wird die Stationierung von Atomraketen diskutiert
Europa ist in Sachen Verteidigung mehr auf sich gestellt, dieser Erkenntnis wurde durch die Münchner Sicherheitskonferenz neue Nahrung gegeben, und diese Erkenntnis manifestierte sich dort auch in einem Verteidigungsabkommen zwischen Norwegen und Deutschland . https://www.bmvg.de/de/aktuelles/pistorius-msc-spotlight-arktis-6067110
Das NATO-Land im Norden wird zudem die Anzahl der britischen Soldaten auf 2000 verdoppeln lassen.
„Wir schließen keinen Angriff zu Land von Russland aus, als Teil ihres Plans, die eigenen Nuklearwaffen zu schützen.“ so Eirik Kristoffersen, der leitende General Norwegens gegenüber der britischen Zeitung „Guardian“.
https://www.theguardian.com/world/2026/feb/10/norway-defence-chief-russia-nuclear-assets
Der Militär weist auf die Kola-Halbinsel, mit der Garnisonsstadt Murmansk, nicht viel mehr als hundert Kilometer von der norwegischen Grenze entfernt. Dort summieren sich U-Boote und Flugzeuge mit Atombewaffnung, sowie nuklear bestückte Raketen der Russischen Föderation.
Mit diesem Arsenal könnte ein möglicher nuklearer Zweitschlag gegen die USA gestartet werden. Kristoffersen empfiehlt gleichzeitig eine „Hotline“ zwischen Oslo und Moskau, um ein Kriegsszenario auf dem diplomatischen Weg zu vermeiden.
Eine Anspielung auf die Vergangenheit - sein Land pfegte lange ein dialogorientiertes Verhältnis zum Nachbarn im Osten. Norwegen ist NATO-Mitglied der ersten Stunde, seit 1949, und hat nördlich des Polarkreises eine direkte Grenze mit Russland.
Diese besondere Beziehung bestand auch aus historischen Gründen, die Rote Armee drängte zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Nordnorwegen die deutschen Besatzer zurück, als Entgegenkommen ließ Oslo die Stationierung fremder NATO-Truppen auf seinem Territorium nicht zu, womit es natürlich heute vorbei ist.
Auf der anderen Seite ist Nordnorwegen schon seit dem Kalten Krieg ein Terrain der Planspiele und der entsprechenden Manöver – bei einer Eroberung sowjetischer Truppen mit konventionellen Waffen wäre nicht nur die Kola-Halbinsel besser geschützt auch hätte die Sowjetunion dann auch den Nordatlantik stärker kontrollieren können. Da Aufmarschpläne der Roten Armee vorsahen, hierbei durch den Norden Finnlands und Schweden vorzudringen, wurden in den damals neutralen Ländern entsprechende Verteidigungsanlagen erstellt und bei Manövern die Abwehr gegen eine sowjetische Invasion geprobt. Diese Gefahr besteht nun weiterhin. Und so steigt ab dem 6. März die umfassende NATO-Übung „Cold Response“, bei dem die Verteidigung Nordskandinaviens mittels 25 000 Soldaten aus 14 Nationen (auch die USA ist mit von der Partie) trainiert wird. https://www.forsvaret.no/en/exercises-and-operations/exercises/cr26
Im Unterschied zum Kalten Krieg wird Norwegen von Russland heute definitiv als Feind wahr genommen, da sich die norwegische Regierung seit der russischen Invasion in der Ukraine mit Waffen, Geldern und Worten für die Ukraine einsetzt und mehrere russische Diplomaten ausweisen ließ.
Dies hat Folgen – es gab etwa Cyberattacken auf das norwegische Internetsystem, der norwegische Inlandsgeheimdienst PST warnt aktuell davor, dass russische Dienste ukrainische Flüchtlinge in Norwegen anwerben.
Nun rüstet das dank Öl und Gas wirtschaftlich potente Norwegen massiv auf, für die Jahre 2024 bis 2036 sind umgerechnet 52 Milliarden Euro Ausgaben für den Verteidigungssektor geplant, die hauseigenen Waffenschmieden sollen massiv gefördert werden.
Eirik Krisstoffersen, der mit seinem Bruder Frode ein Buch über die norwegische Wehrfähigkeit geschrieben hat, glaubt jedoch, dass vor allem der Widerstandswillen der Norwegerinnen und Norweger die größte Waffe des Landes sei, wobei er sich auf Partisanen-Aktionen der Norweger gegen die deutschen Besatzer beruft. Zudem wollen nach Umfragen neun von zehn Bewohner des Landes aktiv ihr Territorium verteidigen. https://www.adlibris.com/sv/bok/beredt-9788205616592
So wäre Russland effektiv abgeschreckt, glaubt der General. Doch ob dies stimmt?
Aufgeschreckt erscheinen jedenfalls die Skandinavier – die Drohungen Donald Trumps gegen Dänemark in der Grönland-Frage hat Nordeuropa mehr alarmiert als andere Teile des Kontinents, denn das nahe Russland wird so in seinem Selbstbewusstsein gestärkt.
Zur Verunsicherung trägt auch bei, dass „New START” seit dem 5. Februar nicht mehr gilt, der nukleare Abrüstungsvertrag zwischen Washington und Moskau, welcher 2011 in Kraft trat. Und Initiativen zu einer Neuauflage scheinen nicht in Sicht.
Allein die NATO-Mitglieder Großbritannien und Frankreich verfügen in Europa neben den USA über ein nukleares Waffenarsenal, der Bau einer europäischen nuklearen Schutzschirms unter französischer Regie wird darum seit März diskutiert.
Auch in den skandinavischen Länder, mittlerweile allesamt NATO-Mitglieder, wird diese Option besprochen – wie auch die Möglichkeit einer skandinavische Bombe.
Solche Vorschläge kommen in Norwegen etwa aus dem Bereich des Militärs, wie aus der Politik, auch die dänischen und finnischen Medien besprechen dies, was Atomkraftgegner in Europas Norden beunruhigt. https://www.forsvaretsforum.no/atomvapen-hoyre-innenriks/hoyre-topp-apner-for-atomvapen-i-norge/479698
Norwegens Verteidigungsminister Tore O. Sandvik hat sich kürzlich gegen einen europäischen Nuklearschirm ausgesprochen, https://www.nationen.no/forsvarsminister-tore-o-sandvik-avviser-europeisk-atomvapenparaply-for-norge/s/5-148-860586 ähnlich äußerte sich auch Finnlands Präsident Alexander Stubb, der meinte, sein Land werde keine Atomraketen stationieren.
Doch das letzte Wort dazu werden wohl beide nicht haben.
In Schweden ist die Situation eine besondere – das Land hatte ein eigenes Atomwaffenprogramm, welches erst 1972 beendet wurde. Darum gibt es dort Stimmen, dieses wieder aufzunehmen. Hinter dieser Idee steht etwa die auflagenstarke linksliberale Zeitung „Dagens Nyheter“.
Die Gesamtredaktion verlangt eine Wiederaufnahme der schwedischen Nuklearwaffen-Forschung in einem skandinavischen Rahmen, eventuell mit Deutschland an Bord.
„Die Kombination von nuklearer Spitzenkompetenz und einer fortgeschrittenen Rüstungsindustrie weist dabei Schweden eine Schlüsselrolle zu.” so das linksliberale Blatt, dessen Artikel mit der Forderung „Niemand will schwedische Atomwaffen diskutieren, doch wir müssen es tun.” betitelt ist. https://www.dn.se/ledare/ingen-vill-diskutera-svenska-karnvapen-men-vi-maste/
Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson kann sich zumindest eine Kooperation mit Emmanuel Macron in Sachen Nuklearwaffen vorstellen, mit Frankreich und Großbritannien werden „permanent Gespräche geführt” so der bürgerliche Politiker; zu einem möglichen schwedischen Atomwaffenprogramm hat er sich nicht geäußert. Muss es jedoch irgendwann.
Denn diese Idee wollen die rechten Schwedendemokraten nicht ausschließen, welche die bürgerliche Minderheitsregierung im Parlament tolerieren und im Herbst eine Regierungsbeteiligung anstreben. Parteichef Jimmie Akesson forderte eine Diskussion hierzu, auch mit dem Verweis auf die entsprechende Technologie-Erfahrung in Schweden
Lange haben sich die Regierungen in Stockholm für die nukleare Abrüstung weltweit stark gemacht, doch vor vier Jahren, mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine folgte die Wende. Das Land beantragte nicht allein die NATO-Mitgliedschaft, um sich so unter den nuklearen Schutzschirm der atlantischen Verteidigungsallianz zu erstellen, es erlaubte im Gegensatz zu den Mitgliedern Norwegen und Dänemark den Amerikanern Zugang zu 17 schwedischen Militärbasen und schloss auch die dortige Stationierung amerikanischer Nuklearwaffen via Klausel nicht aus. Nach einer Umfrage vom vergangenen März sind 55 Prozent gegen eine solche Stationierung von Atomwaffen in Schweden, nach einer aktuellen Umfrage sprechen sich 68 Prozent gegen die eigene Produktion aus, doch immerhin 17 Prozent sind dafür. https://www.tv4.se/artikel/7bSwGjWpUHxuFdRWH33Pao/oeverraskande-starkt-stoed-foer-svenska-kaernvapen
Vor rund sechzig Jahren war Schweden ja fast soweit - unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg initiierte die schwedische Regierung Forschungen zu einem möglichen Bau einer eigenen Atombombe, was mit der Forschung zur zivilen Nutzung der Atomenergie verbunden war. Im Jahr 1965 war das Land fähig, in eigener Regie eine Bombe zu bauen. Allerdings gab es zum einen Druck von Atomwaffen-Gegnern sowie finanzielle Bedenken. Militärs drängten darauf, lieber mehr Gelder in das kommende Gripen-Kampfjet zu investieren. Und zuletzt waren die USA wenig an einer kleinen Nuklearmacht Schweden interessiert und blockierten die Zulieferung an Technologie und intensivierten den diplomatischen Gegen-Druck.
Das Königreich unterschrieb dann 1968 wie das Gros der Länder weltweit den Atomwaffensperrvertrag.
Heute weisen Gegner einer skandinavischen Bombe, wie etwa der schwedische Verteidigungsminister Pal Johansson, auf dieses Abkommen. Allein juristisch sei es darum nicht möglich, nuklear nachzurüsten. Befürworter der Atomraketen auf skandinavischem Grund argumentieren, dass sich die Verhältnisse mittlerweile so geändert hätten, die USA zu unberechenbar geworden sei, so dass der Vertrag unterlaufen werden sollte. https://www.smp.se/ledare/sverige-behover-overge-icke-spridningsavtalet/


Der Titel des Artikels kann irreführend sein! Skandinavien ist ein Ziel russischer Raketen, weil es keine Atomwaffen besitzt. Hätten sie Atomwaffen, wären sie kein Ziel!